Zwischen Kulturen zuhause

Zwischen Kulturen unterwegs oder in mehreren Kulturen zuhause?

Gedanken zu Karin Schreiners Buch Bikulturalität: Lost in Cultures?

„Es fällt mir leicht, den Blickwinkel zu wechseln und die andere Perspektive einzunehmen. Wenn ich im Ausland bin, kann ich mich auf die neue Umgebung besser einstellen als andere Menschen – besser, schneller und freier.“

Mit diesen Worten zitiert Karin Schreiner in ihrem Buch Bikulturalität: Lost in Cultures? einen Interviewpartner namens Dino. Er ist ursprünglich in Bosnien geboren und lebt heute in Deutschland. Wenige Zeilen später ergänzt er:

„Ich habe wenig Hemmungen, eine andere Sprache zu sprechen und Wörter falsch auszusprechen.“

Diese Aussage hat mich sofort angesprochen. Sie erinnert mich an eine Empfehlung, die ich in meinem Buch Prepare for Landing unter der Leitlinie „Inklusive Nutzung der Sprache“ formuliere:

„Nutzen Sie die Landessprache, wenn Sie unterwegs sind, so gut Sie können. Perfektion rausnehmen, Mut reinbringen. Jeder Versuch zählt.“

Wer interkulturell erfolgreich sein möchte, braucht oft weniger Perfektion als Mut. Die Bereitschaft, Fehler zu machen, gehört zu den wichtigsten Voraussetzungen für Lernen, Beziehung und Zugehörigkeit.

 

Bikulturalität als gesellschaftliche Ressource

Karin Schreiner betrachtet Bikulturalität nicht als Defizit, sondern als Ressource. Menschen, die in mehreren kulturellen Welten aufgewachsen sind oder dauerhaft zwischen ihnen leben, verfügen über Erfahrungen, die in unserer globalisierten Gesellschaft von unschätzbarem Wert sind.

Sie sprechen häufig mehrere Sprachen. Vor allem aber verfügen sie über etwas anderes: ein verinnerlichtes Wissen darüber, dass Wirklichkeit aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden kann.

Sie wissen aus eigener Erfahrung, dass Menschen dieselbe Situation unterschiedlich interpretieren können und dass verschiedene kulturelle Logiken nebeneinander bestehen. Dadurch werden sie oft zu Brückenbauerinnen und Brückenbauern zwischen Menschen, Teams und Organisationen.

Während in öffentlichen Debatten kulturelle Vielfalt gelegentlich als Herausforderung beschrieben wird, zeigt Schreiner vor allem ihre produktive Seite: die Fähigkeit, unterschiedliche Sichtweisen miteinander zu verbinden.

 

Von einer Kultur zur Synergie

Besonders beeindruckt hat mich ein Modell, das vier verschiedene Formen von Zugehörigkeit beschreibt: „Eine Kultur“, „Weder/Noch“, „Sowohl/Als auch“ und „Beide und mehr“.

Besonders die letzten beiden Stufen finde ich bemerkenswert. Beim „Sowohl-als-auch“ gelingt es, zwei kulturelle Zugehörigkeiten gleichzeitig anzuerkennen. Die eigenen Identitäten müssen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Beide dürfen bestehen bleiben.

Noch spannender erscheint mir jedoch die Stufe „Beide und mehr“. Hier entsteht zusätzlich etwas Neues. Die Erfahrung, mehreren Kulturen anzugehören, entwickelt eine grundsätzliche Offenheit für weitere kulturelle Kontexte. Aus Mehrfachzugehörigkeit entsteht Synergie.

Beim Lesen musste ich an einen Gedanken denken, der sich als roter Faden durch mein Buch zieht: Interkulturelle Kompetenz bedeutet letztlich weniger Wissen über einzelne Länder als die Fähigkeit, sich immer wieder auf neue Kontexte einzulassen.

Natürlich ist Wissen über Länder, Geschichte, gesellschaftliche Normen und Geschäftspraktiken hilfreich. Entscheidend ist jedoch etwas anderes: die Bereitschaft, die eigene Perspektive immer wieder zu überprüfen und neue Sichtweisen ernst zu nehmen.

 

Die eigentliche Stärke: Perspektivwechsel

Schreiner beschreibt kulturelles Bewusstsein und kulturelle Sensibilität als zentrale Fähigkeiten bikultureller Menschen. Diese Beobachtung deckt sich sehr stark mit meinen eigenen Erfahrungen in der internationalen Zusammenarbeit.

Erfolgreich werden diejenigen, die Perspektiven wechseln können, die Ambiguität aushalten, die neugierig bleiben, die empathische Fragen stellen, und die bereit sind, die Welt auch durch die Augen anderer zu betrachten.

Diese Fähigkeiten beschreibe ich in Prepare for Landing als Kern interkultureller Kompetenz.

Schreiners Buch fügt einen wichtigen Gedanken hinzu: Für viele bikulturelle Menschen sind diese Fähigkeiten nicht nur erlernte Kompetenzen. Sie entstehen aus gelebter Erfahrung. Wer sein Leben lang zwischen verschiedenen kulturellen Welten vermittelt, entwickelt oft ganz selbstverständlich die Fähigkeit, mehrere Wirklichkeiten gleichzeitig wahrzuhalten.

 

Was das für Führung bedeutet

Besonders interessant wird dieser Gedanke für Führungskräfte und Teams.

Schreiner verweist auf den sogenannten synergetischen Ansatz sowie auf Formen kultureller Aushandlung. Unterschiedliche Sichtweisen werden dabei nicht als Problem betrachtet, sondern als Ausgangspunkt gemeinsamen Lernens. Konflikte werden offen angesprochen, Erwartungen geklärt und neue Regeln gemeinsam entwickelt.

Hier sehe ich eine direkte Verbindung zu meinem Konzept des kulturellen Regelwerks.

In kulturell diversen Teams entsteht Zusammenarbeit nicht automatisch. Sie entsteht dort, wo Menschen gemeinsam darüber sprechen, wie Entscheidungen getroffen werden, wie Feedback gegeben wird, wie Konflikte angesprochen werden, und welche Erwartungen an Zusammenarbeit bestehen.

Interkulturelle Führung bedeutet deshalb nicht, die Unterschiede zu beseitigen. Sie bedeutet, einen Rahmen zu schaffen, in dem Unterschiede produktiv werden können. Darin liegt die Kraft kultureller Vielfalt. Je unterschiedlicher die Perspektiven sind, desto größer wird häufig auch die Vielfalt möglicher Handlungsoptionen.

 

Eine wichtige Ergänzung zu Prepare for Landing

Beim Lesen wurde mir klar, dass Schreiners Buch meine eigenen Überlegungen an einer entscheidenden Stelle ergänzt.

Prepare for Landing beschäftigt sich vor allem mit Grenzüberschreitungen. Es geht um Menschen, die sich in neuen kulturellen Umgebungen orientieren müssen. Im Mittelpunkt steht die Frage: Wie bewege ich mich erfolgreich zwischen Kulturen?

Bikulturalität: Lost in Cultures? stellt dagegen eine andere Frage: Wer werde ich, wenn ich dauerhaft in mehreren Kulturen zuhause bin?

Dieser Unterschied erscheint mir bedeutsam. Das eine Buch betrachtet Bewegung. Das andere betrachtet Identität. Das eine beschäftigt sich mit dem Übergang. Das andere mit dem Leben in der dauerhaften Mehrfachzugehörigkeit.

 

Mein Fazit

Die Lektüre von Karin Schreiners Buch hat meinen Blick auf interkulturelle Kompetenz erweitert. Eine hohe Form interkultureller Kompetenz besteht darin, mehrere Zugehörigkeiten gleichzeitig leben zu können, ohne sich auf eine einzige Identität festlegen zu müssen.

Bikulturelle Menschen zeigen uns, wie das gelingen kann. Sie machen sichtbar, dass Zugehörigkeit kein Entweder-oder sein muss. Dass Vielfalt nicht zu Zerrissenheit führen muss. Und dass aus unterschiedlichen kulturellen Prägungen etwas Neues entstehen kann.

Darin liegt für mich die Zukunft interkultureller Führung: Es geht darum, Räume zu schaffen, in denen Menschen mit unterschiedlichen Zugehörigkeiten gemeinsam etwas entwickeln können, das größer ist als die Summe seiner Teile.

 

 

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Zwischen Kulturen zuhause

Wer interkulturell erfolgreich sein möchte, braucht oft weniger Perfektion als Mut. Mut, eine fremde Sprache zu sprechen, Fehler zu machen und die eigene Perspektive immer wieder zu hinterfragen.

Diese Gedanken kamen mir beim Lesen von Karin Schreiners Buch über Bikulturalität. Sie beschreibt Menschen, die in mehreren kulturellen Welten aufgewachsen sind oder dauerhaft zwischen ihnen leben.

Nicht als Menschen mit einem Identitätskonflikt, sondern dazu fähig, wertvolle Brücken zu bauen. Ihre besondere Stärke liegt darin, dass sie aus eigener Erfahrung wissen: Es gibt selten nur eine Sicht auf die Wirklichkeit.

Besonders spannend fand ich die Idee, dass kulturelle Zugehörigkeit mehr sein kann als ein Entweder-oder. Wer sich mehreren Kulturen verbunden fühlt, muss sich nicht zwingend für eine Identität entscheiden.

Im Gegenteil: Aus dieser Mehrfachzugehörigkeit kann etwas Neues entstehen. Offenheit gegenüber unterschiedlichen Denkweisen wird zur Selbstverständlichkeit.

Das erinnert mich an einen Gedanken, der auch Prepare for Landing prägt: Interkulturelle Kompetenz bedeutet letztlich weniger Wissen über einzelne Länder als die Fähigkeit, sich immer wieder auf neue Kontexte einzulassen. Natürlich helfen Kenntnisse über Geschichte, gesellschaftliche Normen oder Geschäftspraktiken. Entscheidend bleibt jedoch die Bereitschaft zum Perspektivwechsel.

Gerade für Führungskräfte ist das eine wichtige Erkenntnis. In kulturell vielfältigen Teams entsteht Zusammenarbeit nicht automatisch. Sie entsteht dort, wo unterschiedliche Sichtweisen ausdrücklich willkommen sind und gemeinsam neue Regeln für Zusammenarbeit entwickelt werden. Vielfalt wird dann zur Quelle besserer Lösungen.

Aus meiner Sicht liegt darin die Zukunft interkultureller Führung: Räume zu schaffen, in denen Menschen unterschiedliche Zugehörigkeiten nicht überwinden müssen, sondern produktiv einbringen können.

Und jetzt interessiert mich: Fühlen Sie sich eher „zwischen“ verschiedenen Welten oder in mehreren Welten gleichzeitig zuhause? Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht?

 

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Karin Schreiner ist Autorin des Buchs Bikulturalität: Lost in Cultures? und leitet das Unternehmen „Intercultural Know How – Training & Consulting. Sie lehrt interkulturelle Kompetenzen in Deutschland und Österreich.

Ich bin Bernd Scharbert, Autor des Buchs „Prepare for Landing: Leitlinien für interkulturelle Führung“ und begleite Sie als Führungskraft gerne bei Fragen integrativer Führung. Zudem lehre ich „Wirtschaftsethik und Nachhaltigkeit“ an der Hochschule Albstadt-Sigmaringen

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