Auf der Buchmesse in Frankfurt, auf dem Bild mit Claudia Hillebrand, Vertriebsleitung Wallstein Verlag
Zwischen den Sprachen – persönliche Gedanken zu Jehona Kicajs „ë“
Jedes Jahr, wenn der deutsche Buchpreis im Rahmen der Frankfurter Buchmesse vergeben wird, suche ich mir meinen persönlichen Favoriten aus. Dieses Jahr war es der Roman ë von Jehona Kicaj.
Der Roman erzählt von den Folgen des Kosovokriegs und von der Suche nach Sprache, Erinnerung und Identität. Der Titel verweist auf den albanischen Buchstaben „ë“, der meist unhörbar bleibt. Die Erzählerin wächst als Kind kosovarischer Geflüchteter in Deutschland auf. Sie ringt mit Zuschreibungen, Missverständnissen und der Frage, wie Sprache Zugehörigkeit oder Fremdheit erzeugt.
Obwohl es ein sehr persönlicher Roman ist, verweist er auf das kollektive Vergessen der Jugoslawienkriege in Deutschland und Europa.
Als ich den Roman gelesen habe, hat mich etwas besonders berührt: das Ringen zwischen Sprachen. Deutsch und Albanisch stehen hier nicht einfach nebeneinander, sondern sie verschieben sich, überlagern sich, verdrängen sich. Das Erlernen der einen Sprache geht einher mit dem Verlernen der anderen.
Besonders eindrücklich fand ich die Szenen, in denen kleine sprachliche Nuancen oder Unbekanntes zu großen Missverständnissen führen. Ein Wort wie „Faschingsfeier“, das Beispiel von Seite 80, ist für viele Kinder in Deutschland ein selbstverständliches Ritual. Für Neuzugezogene kann es zum Stolperstein werden. Wer die Bilder nicht kennt, steht plötzlich am Rand.
Ich erinnere mich, wie oft ich selbst erlebt habe, dass Begriffe, die für die einen selbstverständlich sind, für andere eine Fremdsprache im doppelten Sinn darstellen. Und wie verletzend es sein kann, wenn dieses Nicht-Verstehen als „Defizit“ gelesen wird, statt als Einladung zum Erklären.
Für mich liegt hier ein wichtiges Prinzip: Sprache inklusiv nutzen.
- Nicht voraussetzen, dass alle dieselben kulturellen Marker teilen.
- Mehrsprachigkeit als Ressource begreifen, nicht als Mangel.
- Räume schaffen, in denen Nachfragen erlaubt sind und Erklärungen selbstverständlich.
Wenn wir Sprache so verstehen, wird sie nicht nur zum Werkzeug der Verständigung, sondern zum Resonanzraum. Ein Raum, in dem auch das Unsichtbare Platz hat.
Der Titel von Kicajs Roman ist dafür ein starkes Bild: Das unscheinbare „ë“, oft verschluckt, kaum hörbar, steht für das Ungesagte, das dennoch wirkt. Es erinnert mich daran, dass auch das, was nicht laut ausgesprochen wird, Teil unserer Sprache ist. Und dass wir lernen dürfen, genauer hinzuhören.
„ë“ ist ein Roman über den Kosovokrieg und seine Nachwirkungen. Es ist aber auch ein Buch über Sprache als Heimat und Fremde zugleich. Und es ist eine Einladung, unsere eigene Sprachpraxis zu hinterfragen: Wo schließen wir aus, ohne es zu merken?
Was meinen Sie: wie können wir Sprache so gestalten, dass sie mehr Menschen einschließt, statt sie an den Rand zu drängen?
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Ich bin Bernd Scharbert und unterstütze Führungskräfte mit den Leitprinzipien für interkulturelle Führung. Es geht auch darum, wie Sprache die Kultur prägt und wie man damit in global zusammengesetzten Teams umgeht. Wenn das bei Ihnen Resonanz findet, lassen Sie uns ins Gespräch kommen.
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