Töchter-Väter

In Saudi-Arabien liegt die durchschnittliche Kinderzahl bei 2,3 Kindern pro Familie. Statistisch kommt es deshalb selten vor, dass eine Familie keinen Sohn hat.

Warum ist das wichtig?

Die Verbindung zur Familie hat in Saudi-Arabien einen sehr hohen Stellenwert. Wenn man sich persönlich näherkommt und sich eine gewisse Vertrautheit entwickelt, wird analog dem deutschen persönlichen „du“ ein vertrauensvoll persönliches arabisches „Abu …“ (Vater von…). Und zwar Vater des ältesten Sohnes.

Und was ist, wenn man keinen Sohn hat? Dann benennt man sich als Vater der ältesten Tochter.

Ich selbst habe zwei Töchter, aber keinen Sohn. Deshalb wäre ich im vertrauten Arabisch „Abu Annika“.

Als ich nun in einer Geschäftsführungsrolle in Saudi-Arabien tätig war, habe ich festgestellt, dass es in meinem Unternehmen, einem saudisch-amerikanischen Joint Venture, wenig Beispiele von „Abus“ gab, die einen weiblichen Vornamen trugen. Ich schätzte das Verhältnis auf eins zu zehn.

Ich war demnach eine echte Ausnahme. Ich war ein Co-Geschäftsführer eines saudischen Unternehmens und hatte keinen Sohn. Am Anfang habe ich diese besondere Konstellation kaum beachtet. Aber mit der Zeit passierte „Merkwürdiges“, im wahrsten Sinne des Wortes.

„Dr. Bernd“, sprach mich ein Mitarbeitender an, „ich habe gehört, dass Sie auch Abu Annika genannt werden.“
„Ja, das stimmt.“
„Ich“, ergänzte der Kollege, „bin Abu Mariam*.“

Jetzt begann ich zu verstehen. Ich war für diesen Mitarbeitenden ein Vorbild. Auch er hatte keinen Sohn. Er erkannte in mir die Akzeptanz, dass man es in einem Unternehmen in Saudi-Arabien auch ohne Sohn bis auf die Geschäftsführungsebene bringen konnte.

Auch auf Peer-Level habe ich das beobachtet. Wenn ich mit Kollegen auf einer höheren Management-Ebene der saudischen Muttergesellschaft zu tun hatte, ging man freundlich miteinander um, aber zugleich auch sehr reserviert.

Mit einem Einkaufsleiter war das jedoch anders. Nach zwei Gesprächen bot er mir das „Arabische Du“ an.
„Dr. Bernd, I am Abu Rania*.“
Wir waren jetzt solidarisch Verbündete, Männer ohne Söhne.

Das Wissen über diese spezielle Gegebenheit gab mir einige unerwartete Handlungsoptionen. Vor allem aber machte es mir bewusst, dass ich meiner Vorbildrolle diesbezüglich gerecht werden wollte. Schließlich bin ich sehr stolz auf meine Töchter. Und das durfte man auch merken.

➡️ Und bei Ihnen? Können Sie auch über kulturelle Erlebnisse berichten, die Sie sehr überrascht haben?

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Ich bin Bernd Scharbert und unterstütze Führungskräfte mit meiner Erfahrung nach mehr als 30 Jahren Führungserfahrung in der Unternehmenswelt. Über Leitprinzipien für interkulturelle Führung in den Beziehungen zu Saudi-Arabien und anderen Ländern rund um den Globus. Bei Interesse können Sie sich gerne direkt an mich wenden.

* Namen geändert

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