Storytelling und warum Identität erzählt werden will

Als ich damals mein globales Team zusammenbrachte, ahnte ich nicht, dass ein paar mitgebrachte Gegenstände mehr bewirken würden als jedes Training. Ich hatte jeden der teilnehmenden Werksleiter gebeten, etwas Typisches aus seinem Land mitzubringen und am Vorabend des zweitägigen Meetings ein paar Worte dazu zu sagen.

  • Niederlande: Ein Paar Schlittschuhe. Und die Geschichte der Elfstedentocht. Das ist ein 200‑Kilometer‑Eislauf, der nur stattfindet, wenn das Natureis dick genug ist. Und das passiert nicht sehr oft.
  • Schweden: Ein Midsommar‑Set. Der längste Tag des Jahres, gefeiert mit Familie, Blumenkränzen und Traditionen, die das ganze Land verbinden.
  • USA (Carolinas): Ein American Football. Kindheit zwischen Brüdern, Fangen, Kicken, Wettbewerb und ein Stück gelebter Alltagskultur.
  • Kanada, Katalonien, China: Ahornsirup, Turrón, chinesische Süßigkeiten. Kleine Kostproben, große Bedeutung: Jahreszeiten, Feste, Familienrituale.

 

Ich selbst gab mir alle Mühe, anhand von Goethe und Schiller die Aufklärung in Deutschland als intellektuelle Bewegung (Vernunft, Wissenschaft, Freiheit) zu erläutern, hatte aber sicherheitshalber auch Brezeln und Bier im Gepäck.

Diese Geschichten schufen Verständlichkeit in einer Welt, die immer komplexer wird. Wer seine Geschichte erzählt, zeigt, woher er kommt, und auch, wofür er steht. Und wer zuhört, erkennt die Vielfalt im Raum als Ressource.

In interkulturellen Teams entsteht daraus ein gemeinsames Gedächtnis. Geschichten bleiben, lange nachdem Meetings enden.

Und das macht Storytelling zu einer Zukunftskompetenz: die eigene Identität so zu erzählen, dass andere darin einen Anker finden. Und gleichzeitig offen zu bleiben für die Geschichten derer, die neben uns am Tisch sitzen. Oder am Lagerfeuer.

Und jetzt interessiert mich: Welcher Gegenstand aus Ihrem Leben würde anderen helfen zu verstehen, wer Sie sind?

Gemeinsames Lernen im Team fängt mit dem Geschichten-Erzählen an. So wird Verbindendes geschaffen, gemeinsame Interessen werden entdeckt und Momente kreiert, die im Gedächtnis bleiben. Teambuilding im interkulturellen Kontext. Bei Fragen dazu können Sie sich gerne direkt an mich wenden. #Prepare4Landing: Leitlinien für interkulturelle Führung.

Dieser Beitrag bezieht sich auf das Thema „Storytelling als Zukunftskompetenz für die eigene Identität und die klare Differenzierung“, als Fragestellung von Volker Kaufmann im Rahmen seiner #Brueckenbauer Initiative.

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Goethe im Kontext der Aufklärung

Goethe war einer der wichtigsten Vermittler zwischen Vernunft, Wissenschaft und künstlerischer Freiheit und damit eine Schlüsselfigur einer Epoche, die Deutschland intellektuell geprägt hat.

Das war die Botschaft, die ich meinem global zusammengesetzten Team über Deutschland und mich selbst erzählt habe. Ich gab mir alle Mühe, anhand von Goethe die Aufklärung in Deutschland als intellektuelle Bewegung (Vernunft, Wissenschaft, Freiheit) zu erläutern, hatte aber sicherheitshalber auch Brezeln und Bier im Gepäck.

Goethe war kein Philosoph im Elfenbeinturm. Er war ein Reisender, ein Beobachter, ein Mensch, der die Welt durch Begegnung verstand. Seine Italienreise war ein Perspektivwechsel und kein Bildungsurlaub. Seine Naturforschung war gelebte Empirie. Seine Literatur war ein Plädoyer für Selbstbestimmung. Goethe verband Denken, Wahrnehmen und Handeln.

Interkulturelle Führung beginnt mit Haltung. Und Goethe wird hier zu einem zeitlosen Orientierungspunkt. Er verkörpert eine Grundüberzeugung, die heute auch für internationale Zusammenarbeit entscheidend ist:

  • Respekt vor kultureller Vielfalt.
    „Wer fremde Sprachen nicht kennt, weiß nichts von seiner eigenen.“ Goethe formulierte damit ein Grundprinzip globaler Zusammenarbeit: Identität entsteht im Dialog.
  • Denken über Grenzen hinweg.
    Goethe verband Kunst und Wissenschaft, Gefühl und Vernunft, Heimat und Welt. Führungskräfte tun heute dasselbe, wenn sie kulturelle Perspektiven integrieren.
  • Verbindung von Wissenschaft, Ethik und Praxis.
    Aufklärung war kein theoretisches Projekt. Sie wollte Wirkung entfalten. Genau das gilt für Leadership: Erkenntnis braucht Verantwortung.
  • Vertrauen in Bildung und Dialog.
    Für Goethe war Lernen ein lebenslanger Prozess. Für Führungskräfte ist es die Grundlage, um Teams über Grenzen hinweg zu verbinden.

 

Interkulturelle Führung heißt nicht, überall gleich zu sein. Es heißt, überall anschlussfähig zu sein. Es heißt, Unterschiede nicht zu glätten, sondern produktiv zu machen.

Goethe würde uns heute vermutlich raten, mutig zu reisen. Geografisch und innerlich. Denn Führung beginnt dort, wo wir bereit sind, uns selbst zu verändern, um andere besser zu verstehen.

 

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Schiller: Freiheit, Mut und die Kunst, Menschlichkeit zu gestalten

Friedrich Schiller war, wie Goethe, ein Freigeist der Aufklärung. Aber sein Zugang war ein anderer: radikaler, politischer, existenzieller. Während Goethe die Welt betrachtete, um sie zu verstehen, betrachtete Schiller sie, um sie zu verändern.

Schiller war kein Dichter der bequemen Wahrheiten. Er war ein Suchender, ein Zweifler, ein Mensch, der Freiheit nicht als Zustand, sondern als Aufgabe verstand. Seine Texte sind keine literarischen Dekorationen, sondern moralische Zumutungen. Sie fordern Haltung ein.

Als ich meinem globalen Team von Schiller erzählte, ging es mir um genau diese Dimension: Führung als Verantwortung, Freiheit als Verpflichtung, Menschlichkeit als Entscheidung.

  • Freiheit als moralischer Auftrag –
    Schiller schrieb: „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ Gemeint ist nicht Leichtigkeit, sondern Selbstbestimmung. Führung heißt: Räume schaffen, in denen Menschen sich entfalten können und nicht nur funktionieren müssen.
  • Mut zur inneren Unabhängigkeit –
    Schiller war überzeugt, dass äußere Freiheit ohne innere Freiheit wertlos bleibt. Für internationale Teams bedeutet das: Klarheit über die eigenen Werte, bevor man kulturelle Unterschiede navigiert.
  • Ethik als Praxis –
    Schillers Dramen sind Laboratorien moralischer Entscheidungen. Führungskräfte stehen heute vor ähnlichen Fragen: Was ist richtig, nicht nur effizient? Was ist verantwortungsvoll, nicht nur machbar?
  • Vertrauen in Bildung und Charakterbildung –
    Für Schiller war Bildung ein Weg zur Humanität. Für globale Zusammenarbeit heißt das: Lernen ist eine Haltung.

 

Interkulturelle Führung bedeutet nicht, Konflikte zu vermeiden. Sie bedeutet, sie würdig auszutragen. Schiller würde sagen: Führung beginnt dort, wo wir bereit sind, uns selbst zu hinterfragen und wo wir den Mut haben, das Menschliche über das Bequeme zu stellen.

Er würde uns vermutlich raten, moralisch beweglich zu bleiben. Denn Zusammenarbeit über Grenzen hinweg gelingt nur, wenn wir bereit sind, Freiheit, Verantwortung und Menschlichkeit immer wieder neu auszubalancieren.

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