Ökonomie neu lesen: Stimmen, die Nachhaltigkeit geprägt haben
Für meine Vorlesung „Wirtschaftsethik und Nachhaltigkeit“ habe ich mir eine wichtige Frage gestellt: Welche Ökonominnen und Ökonomen sollte man heute kennen, wenn man das Thema „Nachhaltigkeit“ mit ethischer Substanz diskutieren will?
Die klassische Liste, u.a. mit Aristoteles, Adam Smith, Kant, Marx, Schumpeter, Keynes und Friedman, stammt aus Nils Ole Oermanns „Wirtschaftsethik“ (C.H. Beck, 2015). Sie bildet das Fundament.
Für eine zeitgemäße Auseinandersetzung mit Nachhaltigkeit habe ich drei Stimmen ergänzt, die das Drei-Säulen-Modell von ESG auf bemerkenswerte Weise verkörpern.
>> Elinor Ostrom – das E wie Environment
Ostrom zeigte, dass Gemeinschaften nachhaltige Regeln für gemeinsame Ressourcen entwickeln können, und zwar jenseits von staatlicher Kontrolle oder reinem Marktdenken. Ihre Forschung ist ein Gegenentwurf zu der alten Behauptung, Gemeingüter seien zwangsläufig zum Scheitern verurteilt.
>> Claudia Goldin – das S wie Social
Goldins Arbeiten zur Arbeitsmarktdiskriminierung von Frauen und zur Rolle von Bildung prägen unser Verständnis sozialer Gerechtigkeit. Sie zeigt, wie tief strukturelle Ungleichheiten in ökonomischen Systemen verankert sind und wie sie überwunden werden können.
>> Hildegard von Bingen – das G wie Governance
Ihre Briefe an Kaiser Barbarossa im Rupertsberger Riesenkodex sind ein frühes Beispiel für mutige, wertebasierte Führung. Hildegard erinnert uns daran, dass Governance nicht nur Regeln meint, sondern Haltung, Integrität und Verantwortungsbewusstsein.
Ostrom (2015) und Goldin (2023) erhielten den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften. Hildegard von Bingen lebte zu früh, aber ihr Beitrag zur ethischen Führung ist zeitlos.
Gemeinsam verleihen diese drei Perspektiven ESG eine Tiefe, die über Regulierung und Berichtspflichten hinausgeht. Sie zeigen: Nachhaltigkeit ist nicht so sehr Bürokratie, als vielmehr eine Haltung. Und zwar eine, die auf Weisheit, Gemeinschaft und gerechter Führung beruht.
Und aus Ihrer Sicht: Welche Haltung braucht Nachhaltigkeit heute?
Für mich sind drei Elemente zentral:
- Demut – zu erkennen, dass wir Teil eines größeren Ganzen sind.
- Verantwortung – nicht nur für das eigene Handeln, sondern für die Wirkung auf andere.
- Mut – bestehende Systeme zu hinterfragen und neue Wege zu gehen.
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Version 1.0
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Ökonomen, die man kennen sollte.
So lautet mein erster Vorlesungsblock des Themas „Wirtschaftsethik und Nachhaltigkeit“ für BWL-Studierende. Und der eine oder andere Philosoph ist mit dabei. Orientiert habe ich mich an der Liste von Nils Ole Oermann, die er in seinem Buch „Wirtschaftsethik“ im C.H. Beck Verlag im Jahr 2015 geteilt hat. Es beginnt mit Aristoteles und beinhaltet Namen wie Adam Smith, Kant, Marx, Schumpeter, Keynes oder Milton Friedman.
Zu dieser Liste habe ich mittlerweile drei Namen ergänzt, weil entsprechenden Beiträge so wichtig für das Thema Nachhaltigkeit und seinem Drei-Säulen-Modell ESG sind.
> Elinor Ostrom steht für die ökologische Komponente, dem E. Ihre Forschung zeigt, dass Gemeinschaften nachhaltige Regeln zur Nutzung gemeinsamer Ressourcen entwickeln können, ohne dass staatliche Eingriffe oder privatisierte Märkte erforderlich sind.
> Claudia Goldins Forschungen zur Arbeitsmarktdiskriminierung von Frauen und der Frage, welche Auswirkungen Bildung auf die Arbeitsmarktchancen von Frauen haben, steht für die soziale Komponente, dem S.
> Und was ist mit dem G in ESG? Dafür steht für mich Hildegard von Bingen. Ihre Korrespondenz mit Kaiser Barbarossa im Rupertsberger Riesenkodex steht exemplarisch für Best Practice in Bezug auf Governance.
Ostrom (2015) und Goldin (2023) haben jeweils den Nobelpreis für die Wirtschaftswissenschaften erhalten. Hildegard von Bingen hat dafür zu früh gelebt.
Die Verbindung von Ostroms Forschung zur ökologischen Verantwortung, Goldins Analyse der sozialen Gleichstellung und Hildegard von Bingens ethischer Führung verleiht ESG eine weitsichtige Dimension. Es geht nicht um Regulierung, Berichterstattung und Bürokratie, sondern vor allem darum, dass nachhaltige Entwicklung von Weisheit, Gemeinschaft und gerechter Führung geprägt wird.
Ach ja, und ein vierter Name hat einen Ehrenplatz zwischen Kant und Marx in meiner Liste: Dieter Hildebrandt, eigentlich ein Kabarettist. Sein Perspektivenwechsel zeigt das Dilemma so anschaulich: „Der Mensch ist Mittelpunkt. Ja, das hätten Sie gern! Der Mensch ist Mittel. Punkt.“
Und das führt zu meiner Frage an Sie.
Welche Rolle spielen Pionierarbeiten für die Entwicklung von ESG-Standards? Werden diese Beiträge ausreichend gewürdigt?
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Ich bin Bernd Scharbert und lehre „Wirtschaftsethik und Nachhaltigkeit“ an der Albstadt Sigmaringen University und ich unterstütze Führungskräfte nicht nur zum Thema Nachhaltigkeit, sondern auch zu Aspekten interkultureller Führung. Bei Interesse sprechen Sie mich gerne an.
Herzlichen Dank an Katrin Gülden Le Maire für die ergänzenden Vorschläge und die Diskussion dazu.
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Ein paar Details
> Elinor Ostrom war eine amerikanische Politikwissenschaftlerin und Wirtschaftswissenschaftlerin, die für ihre Forschung zur Verwaltung gemeinschaftlicher Ressourcen bekannt ist. Sie wurde 2009 mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet, als erste Frau überhaupt in dieser Kategorie.
Ostrom widerlegte die weit verbreitete Annahme, dass gemeinsam genutzte natürliche Ressourcen zwangsläufig übernutzt und zerstört werden. Sie zeigte, dass Gemeinschaften nachhaltige Regeln zur Nutzung solcher Ressourcen entwickeln können, ohne dass staatliche Eingriffe oder privatisierte Märkte erforderlich sind.
Ihre Konzepte in der Praxis führten zum Beispiel dazu, dass Fischer in Maine beschlossen, trächtige Hummer-Weibchen nicht zu fangen und begrenzten die Anzahl der Fallen pro Fischer, um so die Überfischung zu vermeiden. Oder Dorfgemeinschaften in Nepal haben erfolgreich lokale Regeln zur nachhaltigen Nutzung von Wäldern entwickelt, um Abholzung zu verhindern und die Ressourcen langfristig zu erhalten.
Elinor Ostrom steht für mich deshalb für das E, die ökologische Komponente im Drei-Säulen-Modell der Nachhaltigkeit, ESG.
> Claudia Goldin ist eine amerikanische Ökonomin und Professorin an der Harvard University. Sie hat historische Daten der letzten 200 Jahre für den US-Markt untersucht und unter anderem nachgewiesen, dass ein Wirtschaftsaufschwung nicht automatisch zu mehr Frauenbeschäftigung führt.
Ihre wichtigsten Beiträge sind ihre Forschungen zur Arbeitsmarktdiskriminierung von Frauen, die Analyse der Lohnungleichheit zwischen Männern und Frauen und zu den Auswirkungen von Bildung auf die Arbeitsmarktchancen von Frauen. Im Jahr 2023 erhielt sie den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften.
Claudia Goldin steht für mich deshalb für das S, die soziale Komponente, in ESG.
> Und was ist mit dem G, der Governance. Das habe ich mit Katrin Gülden Le Maire diskutiert und von ihr kam der Vorschlag, dafür Hildegard von Bingen zu benennen.
Ihre Korrespondenz mit Kaiser Barbarossa im Rupertsberger Riesenkodex steht exemplarisch für Best Practice in Bezug auf Governance.
In ihren Briefen an Barbarossa äußerte sie sich kritisch zu seiner Politik, insbesondere zu seinem Konflikt mit Papst Alexander III. und der Unterstützung des Gegenpapstes. Sie mahnte ihn, seine Macht mit Weisheit und Gerechtigkeit auszuüben und erinnerte ihn daran, dass wahre Führung nicht allein auf militärischer Stärke beruht, sondern auf moralischer Integrität.
Diese Briefe betonen die Bedeutung von ethischer Führung, Verantwortlichkeit und moralischer Reflexion. Prinzipien, die auch heute noch in der Unternehmensführung und Politik relevant sind. Hildegard nutzte ihre Position als angesehene Gelehrte, um Einfluss auf die höchsten politischen Kreise zu nehmen, und bewies damit, dass kluge und mutige Kommunikation eine transformative Kraft haben kann.



