Die erste Fußball‑Weltmeisterschaft, die ich bewusst erlebte, war die in England 1966. Ich war sieben Jahre. Deutschland stand im Endspiel, und ich saß neben meinem Vater auf der Couch im Wohnzimmer. Es gibt kein Foto von diesem Moment, doch das Bild ist klarer als jede Aufnahme: der Teppich, die Sitzordnung, die Spannung, die sich wie ein unsichtbarer Faden durch den Raum zog. Wir verloren in der Verlängerung, unglücklich, wie man damals sagte. Aber das Ergebnis war nicht das, was wichtig blieb. Was blieb, war das gemeinsame Schauen.
Vier Jahre später, 1970, kam mein Großvater zu Besuch. Deutschland spielte im Halbfinale gegen Italien, ein Spiel, das später als „Jahrhundertspiel“ in die Geschichte einging. Wegen der Zeitverschiebung nach Mexiko begann es spät, zu spät für einen Elfjährigen, fanden meine Eltern. Also lag ich unter meiner Bettdecke und hörte das Spiel heimlich im Radio. Bis Schnellinger – ausgerechnet Schnellinger – in der 92. Minute den Ausgleich erzielte. Das Gebrüll meines Großvaters war so laut, dass ich glaubhaft behaupten konnte, davon aufgewacht zu sein.
So saß ich in der Verlängerung im Schlafanzug zwischen meinem Vater und meinem Großvater und erlebte das 3:4 live mit. Heute ist mir dieses Bild wichtiger als jede Analyse der Niederlage. Drei Generationen, vereint durch ein Spiel. Kein Foto, aber ein inneres Bild für die Ewigkeit.
Ein mexikanischer Freund erzählte mir später, dass er sich die Orte und Situationen merkt, an denen er während der Spiele seiner Nationalmannschaft war. Ich verstand sofort, was er meinte. Auch meine Erinnerungen sind an Räume gebunden, an Atmosphären, an die Menschen, die neben mir saßen.
2014, als Deutschland die Weltmeisterschaft gewann, war mein Vater 84. Für das Viertelfinale gegen Frankreich fuhr ich 300 Kilometer nach Hause, nur um dieses Spiel mit ihm zu sehen. Man weiß nie, wie viele solcher Momente uns noch bleiben.
Heute ist er 96. Ich bin nach Jahren im Ausland wieder in der Nähe, habe am Ort meiner Kindheit einen Zweitwohnsitz. Ich bin wieder „zuhause“. Wenn wir heute gemeinsam WM‑Spiele sehen wollen, geht es darum, ob er lange genug wach bleiben kann. Die Rollen haben sich umgedreht.
Nach dem enttäuschenden Ausscheiden Deutschlands vor dem Achtelfinale sprachen wir darüber, dass er bei der nächsten Weltmeisterschaft hundert Jahre alt wäre. Hundert. Eine Zahl, die man ausspricht und gleichzeitig kaum fassen kann. Deshalb richten wir unseren Blick nun zuerst auf die Europameisterschaft in zwei Jahren. Ein Ziel, das näher liegt. Ein Horizont, der erreichbar scheint.
Meine Wahrheit dieser Geschichte: Fußball ist nur der Anlass. Was zählt, ist eine Lebensgeschichte, die sich über Generationen hinweg an Fußballmomenten festmacht. Fußball ist zu einem emotionalen Koordinatensystem geworden. Ein Familienarchiv ohne Fotos, aber mit gestochen scharfen inneren Bildern. Ein Erleben von Zeit, Nähe, Verlust und Verbundenheit, das sich an Turnieren festhält wie Jahresringe an einem Baum.
Und jetzt interessiert mich, an welche Orte und Situationen Sie sich heute noch erinnern, die durch Fußballspiele begleitet wurden?
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Ich bin Bernd Scharbert und schreibe über Erfahrungen, die sich aus dem Fußball auf das Geschäftsleben übertragen lassen. Fußball verbindet Menschen. So ist es einfach. Viele WM‑Spiele habe ich dort verfolgt, wo ich für Chemie-Werke verantwortlich war.
>> 2010 das Halbfinale zwischen den Niederlanden und Uruguay auf dem Marktplatz in Sittard, beim Public Viewing in den Niederlanden, zusammen mit der Businessdirektorin der Business Unit.
>> 2014 das deutsche Vorrundenspiel gegen die USA in einer Sportsbar in Montreal, das kanadischen Fernsehen vor Ort, zusammen mit dem kanadischen Werksleiter.
>> Und 2018 das deutsche Vorrundenaus gegen Südkorea in Ocotlán im Bundesstaat Jalisco, parallel zum mexikanischen Spiel gegen Schweden. Zusammen mit dem mexikanischen Werksleiter und seinem Team. Das war ja das Drama pur, weil Mexiko durch die deutsche Niederlage weiterkam.
Jeder dieser Momente ist mit lebendigen und vielfältigen Erinnerungen verbunden. Den Ort und die Umstände vergisst man nicht. Fußball ist eine eigene Sprache und sie wird überall auf der Welt verstanden.



